Ausgewählte
Projekte
Forschungsprojekt:
Demographisch-soziologische Disproportionen (DSD)
Ausgangspunkt
Infolge
regionalspezifischer Entwicklungen kam und kommt es in
der Mehrzahl der ländlichen Gemeinden Ostelbiens und
insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern lokal und z. T.
sogar kleinräumig zu Besonderheiten in der Ausprägung
demographischer und sozialer Strukturen, welche insgesamt
als Demographisch-soziologische Disproportionen
(DSD) angesprochen werden können.
Dieses Phänomen ist ursächlich in der Permanenz
gleichförmig selektiver Migrationsprozesse
begründet. Die Hauptmerkmale, mit denen
man die relativ komplexe Erscheinung beschreiben kann,
sind einerseits ein erhebliches Frauendefizit in
den demographisch aktiven Altersgruppen, und
andererseits eine gewisse Degradation des
durchschnittlichen intellektuellen und kulturellen
Niveaus der Abwanderungsgemeinden.
Dieser sehr stark abstrahierten Aussage liegen mehrere
bevölkerungsgeographische Untersuchungen in
Mecklenburg-Vorpommern zugrunde. Es entstand ein
umfangreiches Material zur Bewertung der demographischen
Strukturen, Prozesse und Potentiale auf unterschiedlichen
hierarchischen Ebenen (Land, Kreise, Gemeinden). Diese
Forschungen, welche relativ nahtlos an Arbeiten der 70er
und 80er Jahre über die Nordbezirke anschlossen, wurde
nach 1990 in einem Projekt gebündelt, das zunächst von
der KSPW getragen wurde. In insgesamt 13 Staatsexamens-
und Diplomarbeiten sind empirische Erhebungen und
Befragungen von über 22.000 Personen (!) ausgewertet
worden. Die Resultate der Einzelleistungen wurden in
einem Folgeprojekt verdichtet und sind seit der
Veröffentlichung in Fachkreisen bekannt und anerkannt.
Problemlage(n)
Der aktuelle
Kenntnisstand ist ausschließlich Resultat akademischer
Forschung. Es muß vermutet werden, daß das Thema -
zumindest seine Dimension - in fast allen Bereichen der
Praxis noch gar nicht erkannt wurde. Das gilt nicht nur
für die differenzierenden Komponenten und Faktoren der
Migration, sondern auch für Folgen sozialer Verwerfungen
durch demographische Prozesse.
Neu sind Interpretationen von Prozessen seit 1990,
insbesondere hinsichtlich der Wirkung verän-derter
Bedingungen, z. B. das Ausbleiben der Absolventenlenkung.
Andererseits gibt es kaum befriedigende Erklärungen für
das Nachwirken bzw. die Persistenz von Prozessen aus der
DDR-Zeit bis heute. Die Probleme durch Überlagerung
gegenläufiger Entwicklungen in
Suburbanisie-rungsgebieten sind fast völlig
unbearbeitet. Weiterhin besteht ein immenser
Forschungsbedarf für die Begründung dringend zu
entwerfender Lösungsstrategien bei Extremfällen.
Auch in der etablierten Politik ist der Problemkomplex
bislang leider weitgehend unbekannt oder in seiner
Tragweite noch nicht hinreichend genug beachtet worden.
Das hat zur Folge, daß dem Thema einerseits (noch) nicht
die ihm gebührende Aufmerksamkeit gewidmet wird bzw.
werden kann, andererseits die notwendigen
Folgeuntersuchungen u. a. wegen fehlender Mittel
ausbleiben.
Die
Demographisch-soziologischen Disproportionen (DSD)
besitzen mehrere Dimensionen:
Eine regionale:
Die DSD sind nirgendwo anders in Deutschland in dieser
Schärfe anzutreffen wie in Mecklenburg-Vorpommern.
Eine politische: Die DSD
greifen in verschiedene Bereiche der Gesellschaft ein und
es deuten sich in der Praxis sehr unterschiedliche
Auswirkungen an, welche politisch nur fachübergrei-fend
bewältigt werden können.
Eine intellektuelle: Es
existiert noch ein enormer Forschungsbedarf über die
Veränderung in der Dynamik der DSD nach 1990 und die
Ursachen für eine gewisse Persistenz sowie die lokale
oder sogar kleinräumige Verstärkung des Prozesses;
zudem fehlen Kenntnisse über die Probleme bei
Überlagerung gegenläufiger Entwicklungen in den
Suburbanisierungsgebieten.
Eine moralische: Die
Sensibilität des Themas, insbesondere hinsichtlich der
Befindlichkeit der Betroffenen, kann zu Bedenken führen,
welche für den Fortschritt - von der weiteren Forschung
bis hin zum Entwurf von Lösungen - hinderlich sein
können.
| möglicher
Themenbereich |
Problemlage
|
| Gleichstellung |
Chancenungleichheit
verschiedener Gruppen, Standorte, Regionen |
demographische
Reproduktion |
verringerte
Reproduktionschance durch fehlende Frauen im
gebärfähigen Alter (sozialpsychologische
Effekte mit Selbstverstärkung) |
| Bildungsstrategie |
Disproportionale
Benachteiligung stark betroffener Standorte und
Gebiete gegenüber anderen Orten und Gebieten bei
hochgradiger Korrelation der Intellektualität
von Eltern und Kindern;
die Überhäufigkeit intellektuell und kulturell
Schwacher sollte in der Bildungspolitik des
Landes beachtet werden |
sicherheitspolitische
Fragestellungen |
Hypothese: durch
Frauenmangel werden Aggressions- und
Kriminalitätspotentiale freigesetzt, welche
sonst über sozialpsychologische Prozesse
abgefiltert werden würden (Eigendynamik
unausgewogener Gruppen) |
| Sozialhygiene |
deformierte
Sozialstrukturen verstärken Defizite in einer
gesunden Lebensführung (z. B. Alkoholismus,
verstärkter Tabakkonsum) |
| Soziallasten |
ungleiche
Verteilung von Soziallasten auf Gemeinden durch
anteilig verschiedene Häufungen von sozial
Schwachen |
Aufgaben
und (Forschungs-)Themen
Es existieren
keine bzw. nur ungenügende Erkenntnisse über folgende
Problemkreise:
räumliche
Komponenten der DSD: Ursachen und Auswirkungen an
besonders stark betroffenen Standorten bzw. bei
regionaler Häufung (u.a. Bedarf an
Grundlagenforschung);
konkrete
Lebenslage Betroffener =>
soziologische Fragestellung zur Differenziertheit
und Häufung sozialer Problemlagen in
verschiedenen Gruppen der Gesellschaft;
Auswirkung
der Existenz bzw. der Aktionen Betroffener auf
betreffende Gemeinden (Standortimage;
Soziallasten);
Querverbindungen
bzw. Korrelationen zu anderen räumlichen bzw.
standörtlichen Bedingungen; Kausalvernetztheit
(Bedarf an Grundlagenforschung);
Bewertung
des Humankapitals: Abwägung von Restriktionen
und Chancen für die regionale
Wirtschaftsentwicklung.
| Zentrale
These: |
Frauendefizit
ist Kulturdefizit und zugleich Indikator und
Katalysator standörtlicher Probleme.
|
| Zentrales
Problem: |
Wir
wissen noch immer viel zu wenig über die
Ursachen, internen Mechanismen und
Möglichkeiten der gesellschaftlichen
Einflußnahme
|
Zentrales
Problem
für die Forschung: |
Forschung
kostet Geld
=>
|
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